Zeitreisen aus Sicht eines Astrophysikers

Schon seit langer Zeit sind Menschen vom Thema Zeitreisen fasziniert. Verschiedenste Konzepte wurden in Filmen und Büchern entwickelt. In seinem Buch „Zeitreisen und Zeitmaschinen“ versucht Andreas Müller ...

Schon seit langer Zeit sind Menschen vom Thema Zeitreisen fasziniert. Verschiedenste Konzepte wurden in Filmen und Büchern entwickelt. In seinem Buch „Zeitreisen und Zeitmaschinen“ versucht Andreas Müller eine wissenschaftlich fundierte Perspektive auf dieses Thema zu bieten. Der Autor ist Astrophysiker an der Technischen Universität  München.

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Müller beginnt mit einem wissenschaftlichen Überblick über verschiedene Möglichkeiten der Zeitreise, wobei er auf drei genauer eingeht. Es folgen einige Meta-Überlegungen zu Zeitreisen. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Ausblick auf ein mögliches Jahr 2100, sowie ein Rückblick auf 1910, verbunden mit der Frage, ob die Zeitgenossen damals ein realistisches Bild von 2010 hätten bekommen können.

Bei den Möglichkeiten der Zeitreisen konzentriert Müller sich vor allem auf relativistische Effekte: Nach einer kurzen Einführung in die Allgemeine und Spezielle Relativitätstheorie diskutiert er die Option, sich sehr schnell fortzubewegen bzw. sich in unmittelbarer Nähe eines sehr massereichen Objektes aufzuhalten, um so die erlebte Zeit stark zu verlangsamen. Somit wären in gewisser Weise Reisen in die Zukunft möglich. Außerdem wird die theoretische Möglichkeit einer Zeitreise durch ein Wurmloch erwähnt. Dabei wird immer betont, weshalb diese Wege physikalisch sehr schwierig bzw. unmöglich zu verwirklichen sind.

Die Meta-Überlegungen decken sowohl recht oft diskutierte Paradoxon ab, wie beispielsweise das Großvater-Paradoxon oder weshalb die Erde nicht von Zeit-Touristen überschwemmt wird. Zudem werden interessante Überlegungen zu möglichen Gesetzen und Regelungen, was Zeitreisen angehen könnte, vorgestellt.

Das Zukunftsszenario beschreibt die Entwicklung bzw. den Stand in verschiedenen Bereichen wie Technik, Politik, Kommunikation und Infrastruktur. Die durchaus interessante Frage nach der Vorhersehbarkeit des Zustandes im Jahre 2010 aus der Perspektive eines Menschen im Jahre 1910 wird mit Nein beantwortet, allerdings verteidigt der Autor nichtsdestotrotz den Wert von Visionen und Prognosen.

Für mich persönlich war der wissenschaftliche Teil durchaus interessant, auch wenn ich mir an einigen Stellen durchaus mehr Details gewünscht hätte. Allerdings ist das Niveau, insbesondere das mathematische, erstaunlich hoch für ein populärwissenschaftliches Buch. Schade fand ich außerdem, dass der Autor das Zeitreisen kategorisch ausschließt und damit keinen Raum für noch unbekannte physikalische Effekte lässt. Die Meta-Überlegungen, darunter die Diskussion eventueller Gesetze fand ich interessant. Das Zukunftsszenario hat mir absolut nicht gefallen, da der Autor hier teilweise einen sehr bizarren Humor zeigt, und auch ansonsten seine Projektion recht absolut hinstellt.

Insgesamt hat mich das Buch nicht überzeugt: Der erste Teil ist als Einführung in das heutige Verständnis der Physik verschiedener Möglichkeiten der Zeitreise durchaus interessant. Wenn man sich aber für Zukunftsprognosen interessiert, gibt es dafür deutlich bessere Darstellungen von Wissenschaftlern, die sich speziell mit diesen Themen beschäftigen.

Andreas Müller; Zeitreisen und Zeitmaschinen, Springer Spektrum 2016, 316 Seiten, E-Book 14,99 €, Softcover 19,99 €